Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten"Jedes Volk, jeder einzelne hat ein Recht auf die Güter der Welt!" (Flugblatt der Weißen Rose, Januar 1943)
Wie jedes Jahr gibt es auch heuer eine Reihe von Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die Pogromnacht gegen Jüdinnen und Juden am 9. November sowie an andere Ereignisse – u.a.
Samstag, 7.11., 14 Uhr, Parkplatz d. Ev. Kirche: Gedenkweg zum ehem. KZ-Lager in Trostberg (Flyer im –> Anhang)
Samstag, 7.11., 20 Uhr, Berchtesgaden: Film über Neonazi-Morde 1980 in Erlangen und Podiumsdiskussionmit Ulrich Chaussy (Veranstalter BGD gg rechts)
Sonntag, 8.11., 13 Uhr, Bad Reichenhall, Ev. Kirche, Kurstraße: Stadtführung zu jüdischem Leben und Mahnwachemit Redebeitrag der VVN
Montag, 9.11., 17 Uhr, Traunstein, Stadtpark: Gedenken anl. der Pogromnacht1938
Auschwitz-Überlebende in Surberg 2012: Mano Höllenreiner, links, und Marko Feingold (Präsident der Israelit. Kultusgemeinde Salzburg), (Foto F.M.)
Am 19. Oktober hätte Hermann Höllenreiner, „Mano“ genannt, seinen 93. Geburtstag begehen können. Drei Tage vorher ist „Mano“, einer der letzten bayerischen Zeitzeugen des Naziterrors, in seinem Haus in Mettenheim bei Mühldorf im Kreis seiner Familie nach längerer Krankheit verstorben.
Bei der Gedenkfeier in Surberg im Mai 2012 war er eingeladen, um über seine Geschichte als verfolgter Sinto zu berichten. Aber die Erinnerung an die erlittenen Grausamkeiten waren an diesem Tag so stark, dass seine Frau Else seine Rede vortragen musste.
Hermann wurde in München in einer alteingesessenen großen Sinti-Familie geboren und unterstützte bald seinen Vater im kleinen Fuhrunternehmen. Aber der Rassismus der Nazis erfasste auch die sog. „Zigeuner“; die Schikanen wurden immer größer. Im März 1943 schließlich wurden viele Sinti-Familien von der Polizei abgeholt und ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Der damals 10-jährige Mano wurde von Geschwistern und der Mutter getrennt, vom berüchtigten Lagerarzt Mengele wie andere Kinder mit medizinischen Versuchen gequält. Dem Massenmord an Sinti und Roma in den Gaskammern entging Mano, weil sein Vater und andere als letztes Aufgebot noch für die Wehrmacht gebraucht wurden.
In Surberg erinnerte sich Mano an diesen Moment: „Wir standen gemeinsam zum Appell und ein SS-Mann hat Häftlingsnummern verlesen. Mein Vater, mein Onkel Sepp, mein Onkel Konrad und andere Sinti mussten raustreten und es wurde ihnen verkündet, dass sie zu dieser Einheit gebracht werden. Doch mein Vater rannte zu mir, nahm mich in seinen Arm, wollte mich trösten. Sofort kam ein SS-Mann. Mein Vater sagte zu ihm: „Ich lasse meinen Sohn nicht allein, ich geh‘ dahin, wo mein Kind hingeht!“ Da schlug der SS-Mann auf meinen Vater ein und schrie: „Los, geh da rüber, deinem Jungen passiert schon nichts, du kannst ihn hierlassen!“
Ich dachte, jetzt werden wir auf der Stelle erschossen. Mein Vater blutete stark, er drückte mich ganz fest ein letztes Mal und ging zu den anderen zurück. Dann ging die Gruppe weg und ich war endgültig alleine.“
Mono und einige Verwandte wurden ins KZ Sachsenhausen bei Berlin verfrachtet, schließlich angesichts der herannahenden Roten Armee von der SS auf einen Todesmarsch getrieben, den viele nicht überlebten. Mano erlebte die Freiheit, war aber viel zu krank und zu schwach für einen Weg zurück in die Heimat. Befreite französische KZ-Häftlinge fanden das knapp 12-jährige Kind am Straßenrand, das sich weder an seinen Namen noch an München erinnern konnte und nahmen es mit nach Paris. Mano war dort bei Pflegeeltern bis Ende 1946, erst dann konnten ihn seine Eltern in München mit Hilfe von Suchdiensten ausfindig machen. Wie durch ein Wunder hatten seine Eltern überlebt, im Gegensatz zu über 100 Verwandten, die in Auschwitz ermordet wurden.
Jahrzehntelang schwieg Mano wie viele andere über diese Erlebnisse. Seine Energie steckte er in den Aufbau eines Antiquitätengeschäfts und ins gemeinsame Leben mit Ehefrau Else und Tochter Carolin. Aber in den letzten 20 Jahren brach er mit dem Schweigen, herausgefordert auch durch zunehmende rechtsextreme Propaganda und die wachsende Ausgrenzung von Minderheiten. Wie sein Cousin Hugo engagierte er sich u.a. in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen und wurde zum gefragten Zeitzeugen, der vor allem Jugendlichen veranschaulichen wollte, wohin Intoleranz und Hass schon einmal geführt hatten. Bundespräsident Steinmeier lud ihn zur Gedenkfeier nach Auschwitz ein, der Bayerische Landtag ehrte ihn, Anja Tuckermann beschrieb seine Erlebnisse im Buch „ Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war“.
Die Ängste vor einer erneuten Rückkehr der Nazis aber wurden in Manos letzten Lebensjahren immer stärker. Es bleibt zu hoffen, dass Hermann Höllenreiners Erlebnisse dazu beitragen, dass sich diese Ängste nicht bewahrheiten.
Unter diesem Motto versammelten sich erneut engagierte Menschen aus Traunstein und Umgebung, um gegen eine Veranstaltung im AFD-Propagandazentrum in der Traunsteiner Scheibenstraße zu protestieren. Diese AFD-Veranstaltung war schwach besucht und bot das üblichen Verschwörungsgerede über die angeblich links-grüne Medienlandschaft v.a. in Österreich.
Auf der Straße gab es dagegen ein breites Bündnis mit verschiedenen Rede- und Musikbeiträgen, die deutlich machten, wie weit die AFD von Wirklichkeit und Demokratie entfernt ist. Der Beitrag vo Christan Viefhaus aus Bad Reichenhall, einer der bayerischen Landessprecher, ist hier nachzulesen:
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die faschistische AfD über 44 Prozent der Stimmen erhalten. Ob es am Ende aufgrund von Überläufer*innen aus der CDU oder aufgrund der Unterstützung des BSW für eine Regierung der Partei reichen wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar. Als VVN-BdA rufen wir alle Parteien dazu auf, dieses Szenario zu verhindern, eine demokratische Regierung zu ermöglichen und eine Politik zu machen, die dem Faschismus den Boden entzieht anstatt es ihm durch Rechtsruck und Sozialkürzungen immer leichter zu machen. Die Brandmauer, so löchrig sie in der Realität ohnehin ist, ist keine lästige Pflichtübung, die man dann erledigt, wenn es gerade passt, sondern soll Schutz vor einer faschistischen Machtübernahme bieten.
Denn das ist das, was die neuen Landtagsabgeordneten der AfD anstreben, was schon auf dem ersten Blick deutlich wird. Simon Lansmann und Sebastian Koch etwa sind nun Landtagsabgeordnete und Neonazis, die mutmaßlich mit der verbotenen Nazi-Sekte der „Artgemeinschaft“ im Bunde stehen. Vier der bisherigen Fraktionsreferenten sind ehemalige Mitglieder der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ), die sich in die Nachfolge des deutschen Faschismus gestellt hat, NS-Filme zeigte und „Rasseschulungen“ durchführte. Es gibt keine Hinweise darauf, dass hier ein Umdenken stattfand – im Gegenteil.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Auch das Programm der Partei zeigt deutlich, dass den Grundrechten, der Demokratie und der politischen Konkurrenz der Kampf angesagt wird, dass Rechte von Migrant*innen, queeren und behinderten Menschen systematisch verletzt werden sollen. Sachsen-Anhalt wird also so oder so völkischer und brutaler, ein schlechterer Ort für einen Großteil seiner Einwohner*innen.
Deshalb braucht es jetzt die Unterstützung der Zivilgesellschaft, die Unterstützung antifaschistischer Politik in dem Bundesland. Bereits jetzt gab es Solidaritätsdemonstrationen in Berlin und Hamburg und auch im Bundesland selbst wird es zahlreiche Proteste und Aktionen konkreter Solidarität geben. Wir stehen an der Seite aller, die gegen den Faschismus kämpfen. Die AfD muss verboten werden, um die Demokratie zu schützen. Es ist jetzt Zeit, sich dafür antifaschistisch zu organisieren. Informiert euch über antifaschistische Orte und Strukturen in eurer Nähe, z.B. beim Netzwerk Polylux, macht mit und unterstützt ihre Arbeit!
Gemeinsam müssen wir Hoffnung aufbauen und auch angesichts der katastrophalen Lage an einer Welt des Friedens und der Freiheit festhalten!
In den ersten Nachkriegsjahren war auch in Bayern ein Sonntag Anfang September dem Gedenken an die „Opfer des Faschismus“ gewidmet. Mit Beginn des Kalten Krieges wurde die offizielle Unterstützung für diese Veranstaltung eingestellt und künftig am „Volkstrauertag“ aller Opfer gedacht. Die wichtige Erinnerung an die Opfer des Naziterrors wurde dadurch stark eingeschränkt. Die Reichenhaller Gruppe von „Berchtesgadener Land gegen rechts“ nimmt diese Tradition wieder auf und veranstaltet die Kundgebung erstmals in Bad Reichenhall. Auch die VVN-BdA ist mit einem Redebeitrag zur lokalen Erinnerungskultur vertreten. Weitere Infos siehe –> https://berchtesgaden-gegen-rechts.de/13-09-26-tag-des-gedenkens-an-die-opfer-des-faschismus-in-bad-reichenhall/
Auch heuer findet wider der „Christopher Street Day“ mit Demonstration und Fest auf dem Rathausplatz statt. Beginn ist ab 13 Uhr. Die VVN-BdA Traunstein/Berchtesgadener Land ist mit einem Infostand dabei und einer kleinen Ausstellung zur Verfolgung queerer Männer im Nationalsozialismus.
Am Freitag, 11. September, gibt es um 18.30 Uhr im Rathaus eine „Festveranstaltung“ der SPD anlässlich des 150. Geburtstags des langjährigen SPD-Bürgermeister von Freilassing, Karl Rittmann, der 1933 seines Amtes enthoben und mehrmals von den Nazis inhaftiert wurde.
Wer war Karl Rittmann – und welche Spuren hat er in Freilassing hinterlassen? Zum 150. Geburtstag des früheren Bürgermeisters lädt die vhs Rupertiwinkel zu einem besonderen historischen Stadtspaziergang ein.
Karl Rittmann prägte Freilassing als Bürgermeister von 1919 bis 1933 maßgeblich. In seine Amtszeit fallen wichtige kommunale Entwicklungen wie das alte Feuerwehrhaus, das Freibad, das Krankenhaus oder die gemeindliche Sparkasse. Zugleich gehörte er zu den frühen Gegnern des Nationalsozialismus. Nach der Machtübernahme 1933 wurde er mehrfach verhaftet und unter anderem in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm er auf Wunsch der amerikanischen Militärregierung noch einmal kurz das Amt des Bürgermeisters.
Der etwa zweistündige Rundgang führt zu Orten, die eng mit Karl Rittmann und der Geschichte Freilassings verbunden sind. An den einzelnen Stationen vermitteln kurze historische Beiträge spannende Einblicke in die Stadtgeschichte und in das Ringen um Demokratie und Verantwortung. Die Leitung übernimmt Friedbert Mühldorfer von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), der sich seit vielen Jahren intensiv mit der regionalen Zeitgeschichte beschäftigt.
Treffpunkt ist die Wartehalle des Freilassinger Bahnhofs. Den Abschluss bildet eine optionale gemeinsame Einkehr im Gasthaus Schmuggler.
An diesem Tag genau vor 81 Jahren ermordeten SS-Wachmänner über 60 KZ-Häftlinge bei Lauter in der heutigen Gemeinde Surberg. Aus diesem Anlass findet seit 1985 eine vom Kreisverband Traunstein/Berchtesgadener Land der VVN-BdA organisierte Gedenkfeier im KZ-Friedhof Surtal statt. Beginn ist 13 Uhr. Das Grußwort spricht Landrat Andreas Danzer, die Ansprache hält Albert Knoll, ehem. Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau; Thema: Die Verfolgung von Homosexuellen im Nationalsozialismus.
Die Feier wird musikalisch von Josef und Ina Wölfl begleitet; Schülerinnen und Schüler der F.v.K.-Mittelschule Traunstein tragen Texte vor.
Freitag, 17. April, 17 Uhr, Bad Reichenhall, Poststraße 20
Am 17. April jährt sich zum 90sten Mal der Todestag eines weitgehend unbekannten Gegners des Nationalsozialismus aus Marzoll: Gottfried Reischl. Er wurde angeblich am frühen Morgen des 17. April 1936 tot in der Zelle des Polizeigefängnisses in der Münchner Ettstraße aufgefunden. Vorausgegangen waren tagelange Folterungen durch die Gestapo.
Gottfried Reischl war als Kommunist bald ins Visier der Nazis geraten und wurde schon 1933 nach der Machtübernahme über ein Jahr inhaftiert. Wieder in Reichenhall zurück wollte er aber dem NS-System und der Kriegsvorbereitung nicht tatenlos zusehen und druckte kleine illegale Zettel als Warnung vor Hitler und einem Krieg. Unterstützt wurde er u.a. von Johann Winkler und Anton Wagner. Die Gestapo kam der Gruppe auf die Spur. Johann Winkler und Anton Wagner überstanden die Haft, wurden aber dann in Konzentrationslager eingeliefert, wo sie 1940 bzw. 1942 verstarben.
Die Kreisvereinigung Traunstein/Berchtesgadener Land der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (gegr. 1946) erinnert mit einer kleinen Gedenkveranstaltung an diese drei widerständigen Menschen und lädt dazu herzlich ein.
Kurze Biografien würdigen die drei und andere beteiligte NS-Gegner aus Bad Reichenhall und Traunstein. Die Feier wird musikalisch umrahmt.