
Auschwitz-Überlebende in Surberg 2012: Mano Höllenreiner, links, und Marko Feingold (Präsident der Israelit. Kultusgemeinde Salzburg), (Foto F.M.)
Am 19. Oktober hätte Hermann Höllenreiner, „Mano“ genannt, seinen 93. Geburtstag begehen können. Drei Tage vorher ist „Mano“, einer der letzten bayerischen Zeitzeugen des Naziterrors, in seinem Haus in Mettenheim bei Mühldorf im Kreis seiner Familie nach längerer Krankheit verstorben.
Bei der Gedenkfeier in Surberg im Mai 2012 war er eingeladen, um über seine Geschichte als verfolgter Sinto zu berichten. Aber die Erinnerung an die erlittenen Grausamkeiten waren an diesem Tag so stark, dass seine Frau Else seine Rede vortragen musste.
Hermann wurde in München in einer alteingesessenen großen Sinti-Familie geboren und unterstützte bald seinen Vater im kleinen Fuhrunternehmen. Aber der Rassismus der Nazis erfasste auch die sog. „Zigeuner“; die Schikanen wurden immer größer. Im März 1943 schließlich wurden viele Sinti-Familien von der Polizei abgeholt und ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Der damals 10-jährige Mano wurde von Geschwistern und der Mutter getrennt, vom berüchtigten Lagerarzt Mengele wie andere Kinder mit medizinischen Versuchen gequält. Dem Massenmord an Sinti und Roma in den Gaskammern entging Mano, weil sein Vater und andere als letztes Aufgebot noch für die Wehrmacht gebraucht wurden.
In Surberg erinnerte sich Mano an diesen Moment: „Wir standen gemeinsam zum Appell und ein SS-Mann hat Häftlingsnummern verlesen. Mein Vater, mein Onkel Sepp, mein Onkel Konrad und andere Sinti mussten raustreten und es wurde ihnen verkündet, dass sie zu dieser Einheit gebracht werden. Doch mein Vater rannte zu mir, nahm mich in seinen Arm, wollte mich trösten. Sofort kam ein SS-Mann. Mein Vater sagte zu ihm: „Ich lasse meinen Sohn nicht allein, ich geh‘ dahin, wo mein Kind hingeht!“ Da schlug der SS-Mann auf meinen Vater ein und schrie: „Los, geh da rüber, deinem Jungen passiert schon nichts, du kannst ihn hierlassen!“
Ich dachte, jetzt werden wir auf der Stelle erschossen. Mein Vater blutete stark, er drückte mich ganz fest ein letztes Mal und ging zu den anderen zurück. Dann ging die Gruppe weg und ich war endgültig alleine.“
Mono und einige Verwandte wurden ins KZ Sachsenhausen bei Berlin verfrachtet, schließlich angesichts der herannahenden Roten Armee von der SS auf einen Todesmarsch getrieben, den viele nicht überlebten. Mano erlebte die Freiheit, war aber viel zu krank und zu schwach für einen Weg zurück in die Heimat. Befreite französische KZ-Häftlinge fanden das knapp 12-jährige Kind am Straßenrand, das sich weder an seinen Namen noch an München erinnern konnte und nahmen es mit nach Paris. Mano war dort bei Pflegeeltern bis Ende 1946, erst dann konnten ihn seine Eltern in München mit Hilfe von Suchdiensten ausfindig machen. Wie durch ein Wunder hatten seine Eltern überlebt, im Gegensatz zu über 100 Verwandten, die in Auschwitz ermordet wurden.
Jahrzehntelang schwieg Mano wie viele andere über diese Erlebnisse. Seine Energie steckte er in den Aufbau eines Antiquitätengeschäfts und ins gemeinsame Leben mit Ehefrau Else und Tochter Carolin. Aber in den letzten 20 Jahren brach er mit dem Schweigen, herausgefordert auch durch zunehmende rechtsextreme Propaganda und die wachsende Ausgrenzung von Minderheiten. Wie sein Cousin Hugo engagierte er sich u.a. in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der AntifaschistInnen und wurde zum gefragten Zeitzeugen, der vor allem Jugendlichen veranschaulichen wollte, wohin Intoleranz und Hass schon einmal geführt hatten. Bundespräsident Steinmeier lud ihn zur Gedenkfeier nach Auschwitz ein, der Bayerische Landtag ehrte ihn, Anja Tuckermann beschrieb seine Erlebnisse im Buch „ Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war“.
Die Ängste vor einer erneuten Rückkehr der Nazis aber wurden in Manos letzten Lebensjahren immer stärker. Es bleibt zu hoffen, dass Hermann Höllenreiners Erlebnisse dazu beitragen, dass sich diese Ängste nicht bewahrheiten.
(Friedbert Mühldorfer, 18.10.2026)









